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Martin Wolf, NDR4

Das Oktett aus Niedersachsen spielt Jazzvariationen über frühbarocke Musik von Praetorius. Sinfonische Dichtung, opulentes Klangspektakel oder auch feinsinnige Anlehnung an die Klassiker der Moderne - fast scheint es unmöglich, die Musik Ulli Orths auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. Mal pflegt er gedankenreiche Zwiegespräche mit seinem Duopartner, dem Pianisten Philipp Haagen, läßt sich als Mitglied des renommierten Jazz Orchesters Niedersachsen in die Disziplin einer zeitgenössischen Big Band einbinden oder präsentiert sich in eigenen Produktionen regelmäßig als ambitionierter Komponist mit einem Hang zur großen Form.

Ulli Orth erhielt seine Ausbildung in Hannover und Hamburg, studierte Saxophon bei Joe Viera, Wolfgang Engstfeld, Herb Geller und Vincent Herring. Seither ist er auf zahlreichen Festivals zu hören gewesen wie den Tagen der Neuen Musik in Donaueschingen, auf den Leverkusener Jazztagen oder beim Mannheimer Jazzfestival in den Ensembles von Ekkehard Jost und Herbert Hellhund. Er hat u.a. mit Albert Mangelsdorff, Ralph Hübner und Dieter Glawischnig zusammengearbeitet.

In seinen eigenen Formationen geht es ihm "durchaus im Sinne eines Crossover" immer wieder "um eine Rückbesinnung auf die europäische Musiktradition". Für sein aktuelles Projekt unternahm der "kreative Klangspieler", wie ihn die Hannoversche Allgemeine Zeitung einmal nannte, deshalb eine musikalische Zeitreise, die weit zurückführt in die Geschichte europäischer Instrumentalmusik, bis in das Jahr 1612.

Unter der Überschrift "Praehistorius Jazz" hat Ulli Orth eine Reihe barocker Tänze bearbeitet, die aus der Feder eines Altmeisters der evangelischen Kirchenmusik stammen, Michael Praetorius. Natürlich bezieht sich der hintersinnige Titel in erster Linie auf den berühmten Komponisten. Er spricht aber auch ironisch darauf an, dass aus der Sicht des Jazz ein Rückgriff auf Musik des 17. Jahrhunderts prähistorisch anmuten muß. Gerade deshalb ist es Orth wichtig, auf die kaum bekannten Gemeinsamkeiten beider Stile hinzuweisen: "Die weltliche Musik des Michael Praetorius", betont er, "ist zu ihrer Zeit eine Art Real-Book des Frühbarock gewesen, eine umfassende Repertoiresammlung, die auch Raum für Improvisation ließ."

Bei der Bearbeitung der Werke von Praetorius bediente sich Orth freimütig im Fundus der Moderne. Zu hören sind Anklänge an Bop und Free Jazz, ebenso wie an die Popmusik der 60-er und 70-er. Seine Oktett-Formation Ulli Orth's Quintessence", mit der er seit Jahren zusammen arbeitet und für die er auch dieses Programm arrangiert hat, bildet mit der Beweglichkeit einer Combo und den Klangmöglichkeiten einer Big Band ein ideales Vehikel für die ungewöhnliche Liaison aus siebzehntem und zwanzigstem Jahrhundert. Garantiert ist in jedem Fall ein spannender musikalischer Trip, der über alle Stilgrenzen hinweg führt, in eine abenteuerliche Welt fremd vertrauter Höreindrücke.

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zuletzt aktualisiert am 28.12.2005